Benno Wagner

 

Kafka in Frankenstein

Zur Geschichte einer Heilstätte zwischen den Nationen, Systemen und Disziplinen

Das Sanatorium Frankenstein (Podháji) bei Rumburg, dessen Gründung sich unlängst zum 100sten Male jährte, ist ein Schauplatz, an dem sich die Lokal- und Regionalgeschichte Nordböhmens mit den großen historischen Linien des vergangenen Jahrhunderts kreuzt: mit der politischen Geschichte und dem bewegten Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen ebenso wie mit der Medizingeschichte und sogar mit der Literaturgeschichte. Im folgenden möchten wir einen Weg skizzieren, auf dem diese Geschichte Eingang in die wissenschaftliche Diskussion und das kulturelle Gedächtnis finden könnte.

Historische Ausgangspunkte

Bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte sich die Heilanstalt des Großindustriellen Carl Dittrich aus dem benachbarten Schönlinde (Krásná Lípa) einen internationalen Ruf als physikalisch-diätetische Heilanstalt erworben. Das Spektrum der ‚Heilbehelfe’ erstreckte sich von traditionellen Anwendungen bis hin zu damals neuen und verheißungsvollen Verfahren wie der Elektrotherapie. Letzteres mag, neben dem finanziellen Engagements Dittrichs, der Grund dafür gewesen sein, dass im Verlaufe des Weltkriegs aus dem privaten Kurbetrieb eine staatliche Anstalt mit ‚nationalem Auftrag’ werden konnte. Als die 1915 in Prag eingerichtete Staatliche Landeszentrale für das Königreich Böhmen zur Fürsorge für heimkehrende Krieger eine geeignete Einrichtung für die Behandlung der seit Kriegsbeginn zahlreich von der Front heimkehrenden ‚Kriegsneurotiker’ suchte, da fiel die Wahl nach einer sorgfältigen Suche schließlich auf das Sanatorium in Frankenstein. Zum Zeitpunkt der Umwandlung des Sanatoriums in eine Volksnervenheilanstalt, im Frühjahr 1917, war eine solche Einrichtung freilich nicht mehr eigentlich als staatliche, sondern nur noch als nationale, als „Deutsche Volksnervenheilanhalt für das Königreich Böhmen“, realisierbar.

Eine wichtige Rolle bei der Einrichtung der Anstalt und ihres Trägervereins spielte ein Dichter, dessen Werk sich, ähnlich wie die Nerven, nur mit einigem politischen Aufwand national identifizieren lässt. Franz Kafka, dessen Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt die Trägerin der Staatlichen Landeszentrale war, hatte dort zusammen mit seinem Chef Eugen Pfohl die Verantwortung für das Projekt ‚Volksnervenheilanstalt’ übernommen. Kafka, der bereits im Sommer 1915 als Patient (und möglicherweise sogar schon als ‚Testinsasse’) einen Aufenthalt in Frankenstein verbracht hatte, war nicht nur nachweislich an den Sitzungen des Komitees zur Auswahl einer geeigneten Einrichtung beteiligt; er schrieb auch neben dem Gründungsaufruf für den Trägerverein eine Reihe von Zeitungsartikeln und –aufrufen, in denen er um politische und finanzielle Unterstützung für das Projekt warb. Zwischen diesen Texten und seinem dichterischen Werk lässt sich eine ganze Reihe aufschlussreicher Verbindungslinien rekonstruieren.

Nach dem Zerfall des Habsburgerreiches und der tschechischen Staatsgründung durchlief das Sanatorium eine wechselhafte – und derzeit nur lückenhaft rekonstruierbare – Geschichte. In den 20er Jahren bestand es als Deutsche Volksnervenheilanstalt fort; während des Zweiten Weltkrieges diente es den deutschen Besatzern als Feldlazarett; in der CSSR wurde es bis Anfang der 60er als Nervensanatorium weitergeführt; seither werden die Gebäude in Frankenstein von der Städtischen Klinik Rumburk genutzt und beherbergen u.a. die Rehabilitationsabteilung.

Das Frankenstein-Projekt

Die Geschichte des Sanatoriums bietet Ansatzpunkte für eine Reihe von Nachforschungen mit verschiedenen fachdisziplinären Perspektiven. Dabei bieten zum einen die Bauakten des Sanatoriums im Stadtarchiv von Rumburk und einige Broschüren und Tätigkeitsberichte aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Museum Rumburk, zum anderen die im Prager Staatsarchiv aufbewahrten Akten der Staatlichen Landeszentrale zur Unterstützung der Kriegsheimkehrer und die Tätigkeitsberichte der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt eine wertvolle Ausgangsbasis. Für ein tschechisch-deutsches Kolloquium zum Thema ‚Frankenstein’ wären dann folgende thematische Schwerpunkte denkbar:

→ Zur Konferenz „Kafka in Frankenstein“

→ Zum Tagungsbericht